Die Australierin Dr. Jessica Bell forscht in Halle zu Neuroblastomen und hat hier ihre Familie gegründet

Dr. Jessica Bell hat ihren Arbeitsplatz im Charles-Tanford-Proteinzentrum der Uni Halle auf dem Weinberg Campus.

Dr. Jessica Bell ist wohl das, was gemeint ist, wenn vom Idealtyp „Frau in der Wissenschaft“ die Rede ist. Sie forscht im Bereich Neuroblastom – einer Krebsart, die ausschließlich Kinder betrifft – am Institut für Molekulare Medizin der Medizinischen Fakultät Halle als Postdoc, ist Mutter von zwei Kindern und verheiratet. Also die klassische „working mom“ und so sieht sie sich selbst auch, obwohl sie weiß und auch selbst erlebt, dass es Frauen in der Wissenschaft nicht ganz so leicht haben. „Ich finde mich und mein Leben allerdings völlig normal“, sagt sie. Bei einem Mann seien wissenschaftliche Karriere, verheiratet sein und Familie haben schließlich auch völlig normal.

Deswegen ist das, was Jessica Bell mit einer Mischung aus Ehrgeiz, Neugier und Zufällen erreicht hat, aber nicht weniger spannend und von einem normalen Lebenslauf kann man sicherlich nicht sprechen – das wäre er auch bei einem Mann nicht.

Aber von vorn: Die junge Frau Ende 30 ist gebürtige Australierin. Dort, in Sydney, hat sie die Schule besucht, danach an der University of New South Wales „Advanced Life Sciences“ mit den Hauptfächern Mikrobiologie und Humangenetik studiert und einen sogenannten, für den Commonwealth speziellen „Honours“-Studiengang in Immunologie drangehängt, der direkt zur Promotion berechtigt.

Doch bis sie diese anfing und mit dem PhD (Doktortitel) beendete, verging noch einige Zeit. „Ich habe vier Jahre lang erst einmal als Forschungsassistentin gearbeitet, weil ich Geld verdienen und finanziell unabhängiger sein, zuhause ausziehen und viel reisen wollte“, erzählt Bell. Die gesammelte Lebenserfahrung habe zudem ihr Selbstbewusstsein und ihre Entschlossenheit gestärkt und zu ihrer persönlichen Reife beigetragen. Dann habe es jedoch ein Projekt gegeben, das sie nicht aufgeben wollte, weil sie wirklich dafür gebrannt habe. „Da wusste ich, dass ich nun bereit für den PhD bin“, sagt sie rückblickend. Dafür hat sie für sich eine recht hochrangige Förderung eingeworben, die sie über die gesamte Zeit finanziert hat – ein Stipendium des NHMRC (National Health and Medical Research Council of Australia), das ungefähr eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft entsprechen würde. Während dieser Zeit legt sie den Weg für ihre wissenschaftliche Laufbahn fest, denn nun arbeitet sie im Bereich Kinderkrebsforschung, genauer zum Neuroblastom, einem Nervenkrebs, den nur Kinder bekommen.

Neuroblastome werden manchmal schon beim ungeborenen Kind mittels Ultraschall entdeckt, in den meisten Fällen treten sie während des ersten Lebensjahres auf. „Erstaunlicherweise verschwindet dieser Krebs bei manchen Kindern ohne Therapie von allein, bei manchen tut er das nicht. Warum das so ist, ist nach wie vor ein Rätsel“, sagt Bell. Es sei offenbar eine Störung im Prozess der Organbildung (Organogenese) und wahrscheinlich auf Umwelteinflüsse zurückzuführen. „Die Zahlen steigen, aber die erbliche Veranlagung liegt nur bei etwa zwei Prozent. Mit den derzeit verfügbaren Therapiemöglichkeiten überlebt aber noch immer ein Drittel der Betroffenen die Erkrankung nicht. Bis jetzt gibt es keine klaren Gründe wie zum Beispiel bei anderen Krebsarten, die darauf hindeuten, dass Rauchen, Infektionen oder eine ungesunde Ernährungsweise Einfluss auf diese Art von Krebs haben“, so die Forscherin. Das krebsassoziierte Gen IGF2BP1, das zur IGF2BP-Proteinfamilie gehöre, stehe insbesondere im Fokus der Arbeitsgruppe von Stefan Hüttelmaier, die dazu bereits hochkarätig publizieren konnte. „Vielleicht kann ich sogar durch das Verständnis, dass IGF2BP1 in fast allen Neuroblastomen gefunden wird, nach neuen Angriffspunkten zur Behandlung dieser tödlichen Krankheit suchen.“

Doch wie kommt es nun, dass sie in Halle lebt und forscht? Kurzfassung: Die Liebe. Die längere Version: Während einer Konferenz 2008 hat sie auch Deutschland besucht und auf dem Weg nach Berlin bei einem Freund in Halle Station gemacht. „Über ihn habe ich meinen späteren Ehemann kennengelernt“ sagt Bell. Halle habe ihr gefallen, so dass sie zunächst bei den Biochemikern, genauer Prof. Dr. Rainer Rudolph, nachgefragt habe, wie die Strukturen für Postdocs in Halle aussehen. „Allerdings habe ich eher was im medizinischen Bereich gesucht“, so Bell, die deshalb von Rudolph den Tipp bekam, Kontakt mit Prof. Stefan Hüttelmaier Kontakt aufzunehmen. Das war 2010 und heute ist Hüttelmaier ihr Arbeitsgruppenleiter. „Ich wollte nach Europa gehen, aus meiner Komfortzone raus, und Stefan war meinem Thema Neuroblastom gegenüber sehr aufgeschlossen“, erzählt die Wissenschaftlerin. „Wir müssen fragen und herausfinden, warum das passiert, dass Kinder an dieser Krebsart erkranken.“

Sie selbst habe wenig Schwierigkeiten gehabt, ihre wissenschaftliche Karriere zu verfolgen, aber: „Es gab wenig Vorbilder“. Sie sei auch noch nicht am Ende ihres Karriereweges. „Mein Ziel ist schon, Professorin zu werden“, sagt sie ehrgeizig. Kinder zu bekommen sei jedoch für Frauen definitiv ein Karriereknick, den Männer ihrer Erfahrung nach so nicht erleben.

Sie gehört zu denen, die schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückwollten und habe da durchaus einige gängige Klischees erlebt. Nicht direkt in ihrem Arbeitsumfeld, mal davon abgesehen, dass man Antragsfristen verpasse, aber: Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung, zumal sie wegen der Behinderung ihres älteren Kindes eine integrative Kindertagesstätte gesucht habe, und Vorurteile im sozialen Umfeld – übrigens auch gegenüber ihrem Mann, der nach einem halben Jahr die Betreuung der Kinder übernommen habe, während Bell in Vollzeit zur Arbeit zurückkehrte. Auch aus ihrer zweiten Elternzeit 2017 sei sie rasch wieder zur Arbeit zurückgekehrt. „Ich liebe einfach den Kick, Dinge zum Laufen zu kriegen, mir macht meine Arbeit Spaß und sie macht mich zufrieden. Ich brauche diese geistige Beschäftigung. Und: Ich bin die Hauptverdienerin in unserer Familie“, sagt sie.

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