„Innovation Camp“ generiert viele neue Ideen zur Zukunft der Gesundheitsversorgung

Die Arbeit in den Arbeitsgruppen bildete den Hauptteil des Innovation Camps. (Bild: Jakob Adolphi)

„Versuchen Sie, Sektorgrenzen niederzureißen und zu überwinden“, sagte Prof. Dr. Michael Gekle in seiner Begrüßung gestern nach Staatssekretär Dr. Jürgen Udes Eröffnung des zweitägigen „Innovation Camps für Zukunftskonzepte zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum“ in der ehemaligen Klinik für Orthopädie auf dem Medizin-Campus Steintor.

Die rund 120 Teilnehmenden sollen sich nicht Partikularinteressen und Fachkräftekategorisierungen leiten lassen, nur dann sei es möglich, wirklich neue und innovative Ansätze zu entwickeln. Durchlässigkeit und Substitution, die Verschiebung von bisherigen Grenzen müssten berücksichtigt werden, um feststellen zu können, wo es einen tatsächlichen Mangel gebe. „Seien Sie mutig. Wenn Sie Lösungen haben, bei denen Ihnen alle auf die Schulter klopfen, dann sind sie falsch“, so der Dekan der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bewusst provokativ.

Außerdem, so Gekle, solle die Wirksamkeit der erdachten Werkzeuge, das heiße auch die Messbarkeit, mitberücksichtigt werden, gab er den Teilnehmenden aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, darunter auch Schülerinnen und Schüler oder Vertreter von Seniorenverbänden, mit auf den Weg.

Immerhin hat sich das Innovation Camp, das sich gegen zahlreiche Bewerber als einziges in Deutschland bei der EU-Kommission durchsetzen konnte, konkrete Problemfelder vorgenommen: medizinische Grundversorgung in ländlichen Gebieten, die Digitalisierung in der Pflege, Barrierefreiheit, Fachkräfte in der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum und die Integration von internationalen Fachkräften in der Pflege. Diese seien existierende Probleme, auf die man im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts gestoßen sei, die als Modell für ähnliche Strukturen deutschlandweit gelten können und für die es Lösungen brauche, so die Projektverantwortlichen Dr. Patrick Jahn und Dr. Karsten Schwarz. Das Innovation Camp reiht sich in das Projekt „Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung (TDG)“ ein, das erst jüngst vom BMBF für eine Förderung bis 2025 mit acht beziehungsweise – nach erfolgreicher Zwischenevaluierung – mit 15 Millionen Euro auserkoren wurde und das auf innovative Weise Bürgerinnen und Bürger, aber auch Experten unterschiedlichster Branchen einbindet.

Gekle hatte Schwarz und Jahn auf die Projektausschreibung aufmerksam gemacht, betonte aber, dass die Umsetzung und der Erfolg damit den engagierten Wissenschaftlern zu verdanken sei. „Wir haben in der Versorgungsforschung hier einen großen Schwerpunkt, gute Strukturen und Leute, die da sehr engagiert sind“, lobte er. Unterstützt wurden und werden die Projektanträge von der Univations GmbH aus Halle.

Danach wandte sich Elke Anklam von Wissenschaftlichen Dienst der EU-Kommission ans Publikum und sagte, dass der Dialog zwischen Wissenschaft und Politik wichtig sei, beispielsweise auch für die Gesetzgebung der EU. Außerdem müsse das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Wissenschaft, aber auch die Politik zurückgewonnen werden, in dem man diese einbeziehe.

Der Keynote Speaker, der Schweizer Marcel Napierala, berichtete über die Gesundheitsversorgung in der Schweiz, in die er mit seiner Firma eingebunden ist, und zeigte sich interessiert daran, sich zu den Entwicklungen in Deutschland und der Schweiz auszutauschen. Außerdem lobte er den Dekan der Medizinischen Fakultät gleich in zweifacher Hinsicht: als Initiator des TDG-Projektes und auch als sehr unternehmerisch denkenden Dekan. Das habe er so bisher noch nicht erlebt, so Napierala beeindruckt.

Doch zurück zum Innovation Camp: Aus fünf Themen wurden vier, dafür aus dem Thema Fachkräftegewinnung zwei Challenges, das habe sich spontan ergeben, so Karsten Schwarz. Die fünf Teams, die jeweils von einer Moderatorin oder einem Moderator begleitet wurden, widmeten sich gestern und heute ihren jeweiligen Themenfeldern. Als Leitfaden galten dabei Phasen der Lösungsfindung, die von der Analyse der Probleme und der Möglichkeiten, über die Ideensammlung und -verknüpfung bis hin zur Gestaltung erster Prototypen und eines Maßnahmenplans reichen.

„Es war super und es gibt viele Anknüpfungspunkte. Es wurde alles gut bearbeitet“, resümierte Schwarz. Nun müsse man jedoch die vielen Ideen sortieren, zu denen unter anderem gehörte, dass eine Bedarfsanalyse erstellt werden und es eine/n Innovationsbeauftragte/n für die Fläche geben könnte oder auch schon recht greifbare Umsetzungsmöglichkeiten für eine Konzepterarbeitung in der Region Genthin.

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