Hallesche OP-Wochen: Live dabei bei Herzkatheter-Untersuchung

Mit raschen, energischen und dennoch vorsichtigen Bewegungen schiebt Oberarzt Dr. Sebastian Nuding erst einen Führungsdraht und dann den ersten Katheter durch einen zuvor gelegten Zugang, die sogenannte Schleuse, in der Leistengegend. Auf dem OP-Tisch im Katheterlabor liegt eine 88 Jahre alte Frau, bei der altersbedingt eine hochgradige Aortenklappenstenose, also eine Verengung der Aortenklappe im Herzen, vorliegt.

Die Schleuse fungiert als eine Art Führungsschiene und dichtet gleichzeitig das Blutgefäß ab, durch das der Katheter geführt wird. Wo er hin muss und wie sich Draht und Katheter vorschieben, verfolgt Dr. Nuding über einen Monitor, der die Aufnahmen des Röntgengerätes zeigt, das über dem Brustkorb der Patientin schwebt.

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Die Studierenden sehen auf den Leinwänden nicht nur die OP-Umgebung, sondern es kann auch direkt auf Untersuchungsmonitore geschaltet werden.

Am Eingriff sind allerdings nicht nur Operateur Nuding und seine Assistentin beteiligt. Es schauen auch mehrere Dutzend Augenpaare in den Hörsälen 3 und 4 am Universitätsklinikum Halle (Saale) dabei zu. Denn die Herzkatheter-Untersuchung ist einer von insgesamt elf Eingriffen, die im Rahmen der Halleschen OP-Wochen live in die zusammengelegten Hörsäle übertragen werden und auf zwei Leinwänden mitverfolgt werden können.So sind bereits Operationen aus den Bereich Unfallchirurgie, Neurochirurgie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Urologie, Orthopädie und Augenheilkunde erfolgt. Gezeigt wurden zudem noch eine Mamma-OP (Gynäkologie), ein Eingriff aus dem Hals-Nasen-Ohren-Bereich, eine endoskopische OP im Bereich der Gastroenterologie sowie als Abschluss eine minimalinvasive Mitralklappen-OP (Herzchirurgie).

Ziel der OP-Wochen ist es, den Studierenden der Medizinischen Fakultät sowie den Schülern des Ausbildungszentrums typische Eingriffe und Operations- und Interventionstechniken aus vielen chirurgischen Fachrichtungen und der Inneren Medizin zu zeigen und bei ihnen damit Begeisterung für die klinische Medizin zu wecken.

Die Anwesenden im Hörsaal können direkt mit dem OP in Kontakt treten und Fragen stellen. Zudem ist ein Mediziner im Saal, der einerseits den zu Beginn jeder Veranstaltung stattfindenden Theorieteil übernimmt und andererseits dann als Moderator fungiert. Und so erklärt Oberarzt Dr. Ulrich Hofmann, der an diesem Abend der Moderator ist, den Studierenden, was sie bei der Herzkatheter-Untersuchung zu sehen bekommen. „Bei der Patientin werden drei Dinge erfolgen: Wir werden uns die Herzkranzgefäße anschauen, eine Aortenklappenpassage zur hämodynamischen Vermessung der Stenose sowie eine Rechtsherzkatheter-Untersuchung machen“, erklärt Dr. Hofmann.

Links im Bild ist Dr. Hofmann zu sehen, der die Übertragung moderierte.

Links im Bild ist Dr. Hofmann (weißer Kittel) zu sehen, der die Übertragung moderierte. Auf der Leinwand ist die Position des Herzkatheters zu erkennen, die mittels Röntgenaufnahmen sichtbar gemacht werden kann.

Es folgen ausführliche Erklärungen zu den verschiedenen Katheterformen, die zum Einsatz kommen, denn diese unterscheiden sich, je nachdem, welche Seite des Herzens untersucht wird. Außerdem erklärt Dr. Hofmann, welche Parameter, wie beispielsweise das Herzzeitvolumen, gemessen werden und wie sie zu werten sind.

Dann steht die Verbindung in das Herzkatheter-Labor und Dr. Nuding übernimmt das Zepter. Er erklärt detailliert jeden Schritt, den er im Zuge des Eingriffs vornimmt. Gleichzeitig ist er mit der Patientin in Kontakt, die wach und nur örtlich betäubt ist. „Ich mache alles so wie immer, ich rede sonst auch so viel“, sagt Nuding scherzhaft in Richtung des virtuell mit ihm verbundenen Publikums. Doch das ist sehr zum Vorteil der Anwesenden, denn so können sie alles direkt nachvollziehen und bekommen die Erklärungen für das auf den Leinwänden zu sehende gleich mitgeliefert.

Neben Bildern aus dem Katheter-Labor überträgt die OP-Kamera Nahaufnahmen der Monitore. So sehen die Studierenden einerseits die Röntgenaufnahmen und die Position des Katheters, andererseits aber auch die Veränderungen der jeweiligen Werte, je nachdem, ob die Patientin einatmet, ausatmet oder gerade den Atem anhält. Gleichzeitig erklärt Dr. Nuding, was im Zusammenhang mit der Gabe von Kontrastmitteln zu beachten ist, die benötigt werden, um die Blutgefäße gut sichtbar zu machen, und dass die Patientin eine bestimmte Menge Flüssigkeit erhält, um die Nieren beim Ausscheiden des Mittels zu unterstützen.

Doch auch noch etwas anderes erfahren die Studierenden: Nämlich, dass es auch für erfahrene Operateure gar nicht so einfach ist, mit dem Katheter hinter die Aortenklappe zu kommen. Immerhin kann sich der Mediziner nur an der leicht zeitverzögerten Röntgenaufnahme orientieren und muss den richtigen Moment abpassen, um den Katheter hindurchzuschieben. Nachdem es nicht gelungen sei, sei die Untersuchung allerdings ohne die Aortenklappenpassage abgeschlossen worden, so Dr. Hofmann.

Dass die Live-Übertragung aus dem Herzkatheter-Labor erfolgt, ist ein Novum bei den Halleschen OP-Wochen, die nun im zweiten Jahr angeboten werden. „Nach dem Auftakt vergangenes Jahr bin ich von vielen angesprochen worden, dass auch in anderen Bereichen außer dem Zentral-OP chirurgisch gearbeitet werde und ob es nicht möglich sei, auch von dort Eingriffe zu übertragen“, erklärt Prof. Dr. Stefan Plontke, der die Projektleitung innehat. Deshalb habe man zwei weitere Kliniken in die Übertragung einbezogen, die technische Umsetzung erfolgte durch die IT-Abteilung des Klinikums.

Zudem sind Dekanat und Studiendekanat, das Dorothea-Erxleben-Lernzentrum, das Zentrum für multimediales Lernen (LLZ) der Universität Halle, die Fachschaft der Medizinischen Fakultät sowie der Vorsitzende des Klinikumsvorstandes als Unterstützer und Kooperationspartner an den Halleschen OP-Wochen beteiligt.

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